per nächste MI A IN BRINGT...

.. ANGST VOR MYSTIK? Weg zum \lahnsinn oder Iıleg zur Erleuchtung?

...MALTA : Steinzeitliche Tempel der Großen Göttin.

.. „BEWUSST SEIN RBB : Timothy Leary, Anton Wilson, Starhawk, Luisa

Francia und andere kommen zur Berliner New-Age-Tagung.

...Meditationsübungen, die zweiten Teile der Artikel über Thelema und den Gehörnten Gott und eine neue Folge des BERSERKERS.

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INHALT

VDRWOLEL. een TE ee

un esneern nr Feen nee DELILE 2

Mythologie: Ber Gehärnbenbokt er Seite 6 Sernneorenteeeesneeneeee. Seite

Die Göttin der Morgenröte cceneeeeeennen Seite 15 Seseseseersenenseene SEITE

Natur/Heilkunde:

Hexensalben, Legende oder Wirklichkeit wuarbtarhe Sara Seite 20

Fantasy: Der Berserker, Teil 2

Kunsesesssennenenhonnne ana ueeeeens Seite 26

Kulke

Das Mältestne., ones; Seite 37 Sonneesnerenseneseneennenserere. Seite

Gruppen:

Thelema - oder gibt es noch eine Heilige Inquisition? ....... Seite 45

Konkalte ee ee een ae ee, Seite 52

Impres

8 UM ann ner een een Seite 25

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nun ist es endlich soweit: aus den Tiefen der Erde dringt neues Leben ans Licht, die Knospen der Blumen öffnen sich, das weiße Leichentuch des Winters wird abgeschüttelt und überall ist frisches, junges Grün! Doch der Winter gibt sich nicht so leicht geschlagen. Wärme und Frost, Sonne, Regen und Schnee wechseln sich in wildem Tanz ab. Hoch- wasser-Katastrophen suchen den Süden Deutschlands heim und in der Schweiz und in Österreich donnern Lawinen (letztere aller- dings vor allem wegen des von Menschen verursachten Waldster- bens!). Wir Heiden erleben be- wußt den Kampf zwischen Thor und den Eisriesen, die Befreiung Freyas aus der dunklen Zwingburg, die Rückkehr Kores aus dem Reich des Todes, die Auferstehung von Inana, von Ado- nis, von Osiris mit. Wir beglei- ten das Ereignis mit unseren Gedanken, unseren Gebeten, unse- ren heiligen Riten. Darum liegt ein Schwerpunkt dieser Ausgabe des HAINs in der Verehrung der

Frühlingsgöttin und im baldigen

Maifest.

Der Artikel handelt deswe- gen über das Maifest und nicht über Ostara, weil Matthias und ich abschätzen konnten, daß wir den Erscheinungstermin zu Ostara

nicht schaffen würden. Wir beide machen eben alle Arbeiten in unserer Freizeit. Darum suchen wir auch noch hier, in Berlin, feste Mitarbeiter für die Redak- tion, vorwiegend weibliche. Es ist zu Recht bemängelt worden, daß fast alle Mitarbeiter des HAINs Männer sind, und uns selbst ärgert dies am aller- meisten, gerade in Bezug auf Themen wie die Große Mutter, das Matriarchat oder weibliche Magie.

Was nun freie Mitarbeit angeht, waren wir überrascht von Eurer Aktivität: Wir sind gera- dezu überschüttet worden von Leserbriefen, Anmerkungen zu Artikeln, eigenen Artikeln, Gedichten und Essays, Anfragen, Lob und Kritik. Dem Ziel, ein Forum für den gegenseitigen Gedankenaustausch im modernen Heidentum zu schaffen, sind wir damit schon einen großen Schritt näher gekommen!

„Glaub i ül Bin sein heiligstes Gut schießen!

mir, kein deutscher Jäger würde auf

Habt "bitte Verständnis da- für, daß wir nicht alles sofort beantworten, manches erst in einigen Ausgaben bzw. gar nicht abdrucken können. Außerdem wäre es gut, wenn Anfragen künftig Rückporto beigelegt würde. So mancher wußte nicht recht, wie er abonnieren sollte, darum sei es noch einmal gesagt: Man braucht nur 13,50 DM auf unser Konto (siehe Impressum) zu über- weisen und uns eine kleine Nachricht zukommen zu lassen. Da der HAIN Kontakte schaffen möch- te, sind unkommerzielle Kontakt- anzeioen kostenlos (mit dieser Ausgabe trennen wir in mehr persönliche "Kontakte" und mehr öffentliche "Cruppen - Veran- staltungen - Zeitschriften", beide Sparten kostenlos), aber auch kommerzielle Ilerbeanzeigen (siehe Impressum) sind willkom- men. !

Zwei Leser hatten ausführ- liche Anmerkungen zu dem Artikel "Rad des Jahres". Wir planen deswegen, diese in einer der folgenden Ausgaben abzudrucken. Ein anderer Leser fand im Kreuz- gana der Fürstabtei (Berchtes- gaden) Abbildungen germanischer Götter, sehr ähnlich denen, die im Artikel "Kultstätten des Harzes" beschrieben wurden.

Kritik gab es vor allem an der Odins-Zeichnung auf der Rückseite bzw. daran, daß der germanische Wind-,. Wetter-,

Todes- (aber auch Fruchtbar- keits-)gott nackt dargestellt wurde. Mir persönlich kommt diese Kritik eher etwas lächer- lich vor, da sie mich stark an christliche Schamhaftigkeit und an den Christengott erinnert, der ständig ein Lätzchen um sein "Schmutzteil" tragen muß. Uns Heiden sollten Natürlichkeit und Fruchtbarkeit eigentlich heilig sein - oder waren es keine Hei- den, die Freyr in Uppsala mit Phallus verehrten (von Darstel- lungen und Bräuchen aus anderen Teilen Europas und der Welt ganz abgesehen)?

Aus Platz- und Zeitgründen mußten wir die Artikel über den Gehörnten Gott und über den magischen Orden "Thelema" leider zerteilen. Die angekündigten Meditationsübungen erst im nächsten HAIN (wir wol- len aus diesem Thema eine fort- laufende Reihe gestalten), auch den Wetter-Artikel müssen wir auf inen späteren Zeitpunkt verschieben. In der Hoffnung, daß Euch der HAIN dennoch Freude macht, wünscht Euch ein fröh- liches Maifest und den Segen der Götter

erscheinen

Euer Michael

Noch eine Anmerkung zum Thema "Öffentliche Meinung": Die Springer-Presse hat wieder zuge- schlagen! In einer siebenteili- gen Pressekampagne zog die "Welt am Sonntag" systematisch alles in den Schmutz, was mit Hexen- tum, neuem Heidentum und New Age zu tun hat. Leider zeigte sich nicht nur der Autor Josef Nyary als gelehriger Schüler der Sek- tenpfarrer, sondern auch der SPD-Kultusminister Hans Schwier (Nordrhein-Westfalen) ließ sich dazu herab, vor der "Droge Dk- kultismus" und vor "Lehrern, die sich leichtfertig in der Schule als Hexen bezeichnen", zu war- nen. Es lebe die Heilige Inqui- sition!

KREISLAUF

Ich bin ein friedlich grasendes Reh und ich bin der reißende Wolf der nach seinem Blut dürstet

Ich bin ein gehetzter Wolf Jer vor den Jäger licht Jer sein Fell begehrt, und ich bin der Jäger auf den der Tod wartet Jamit die Erde

Tu . meinen Körper verschlingen kann.

Martin Coleman

DAS UN - TIER.

Die Brennessel im Blumenbeet ist für ihn Unkraut. Finen versehentlich entschlüpften Furz betrachtet er als Unart. Finen Kindesverführer nennt er einen Unhold. Einen hungrigen Wolf sicht er als Ungehener, doch er selbst benimmt sich wie ein Un - Tier.

Martin Coleman

Der Gehörnte

",..Und wir rufen Dich, oh mächtiger Jäger..." Durch das Dunkel meiner geschlossenen Au- gen dringt die volle Stimme Cays zu mir. "..Wilder Gott... Rauschgott... trunkener Jüng- ling... Befreier, der die Ek- stase bringt... der die Weisheit bringt... die Fackel trägt... Lucifer... Geliebter... Lieben- der in dunkler Nacht... sterben- der und wieder auferstehender Gott, Herr des Lebens, Herr des Todes, Herr des Tanzes, Sonnen- kind, Hirsch, Stier, Bock, Tän- zer, Flamme in uns, Dionysos! Pan! Odin! Cernunnos! Osiris! Tammuz!I Balder! Hades! Sol! Paaaaaanl I"

Stille. Der letzte Name war schon fast ein Schrei gewesen. Ich öffne meine Augen nicht. Ich höre nicht zum ersten mal eine Anrufung und ich höre auch nicht zum ersten mal, wie eine tiefe, sanft schmeichelnde Stimme von plötzlicher Erregung gepackt in ein wildes Rufen umschlägt.

War es Cays Stimme? Das spielt keine Rolle mehr. Wir stehen in einem Kreis, halten uns an den Händen, haben die Lider geschlossen. Nacheinander rufen wir den Gott, so wie wir zuvor die Göttin gerufen haben. Wessen Stimme erklingt, das ist ganz gleichgültig, denn in dem

GOTT

Moment der Anrufung ist es die Stimme des ganzen Kreises, die Stimme des Kosmos, die einzige Stimme, die existiert im Dunkel und deren Worte das sind, was wir alle in dem Moment denken, fühlen, erleben.

In der entstehenden Pause merke ich, wie mich die leichte Trance wieder verläßt. Ich weiß nun genau, daß die Hände, deren lockeren Griff ich spüre, zu Lilith und zu Morgaine gehören und daß nach Cay Morgaine mit der Anrufung dran sein wird. Da höre ich bereits ihre leise, warme Stimme: "Ich grüße Dich, Gehörnter Gott..."

Der Gott ist gehörnt im Hexenkult der Wiccas. Er ist es nicht immer, aber oft. Er hat viele Gesichter, viele Gestal- ten, viele Namen. Häufig heißt er Pan oder Cernunnos nach ge- hörnten Göttern des Altertums, obwohl er genausogut Freyr, Uller, Lug, Saturn oder Krishna genannt werden könnte. Es ist schwierig, einem Außenstehenden etwas von seinem vielseitigen Wesen verständlich zu machen. Er entzieht sich der Erklärung mit satyrhaftem Lachen und offen- bahrt sich der Empfindung, spot- tend wie Mephistopheles, denn die Empfindung sieht ihn, aber sie ist stumm.

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So tastet sich der Logiker in mir anhand von Bildern, Asso- ziationen, Visionen in dieses Minotauros-Labyrinth hinab. Ich weiß, daß Hexen selten Dogmati- ker sind. Der Gehörnte ist eine Kraft, und im Ritual verwenden Hexen alle Götternamen, die sie mit dieser Kraft identifizieren können. Diese Kraft wird als männlich empfunden wie die Kraft der Großen Göttin als weiblich gilt. Und genauso, wie die Große Göttin alle Aspekte der Weib- lichkeit in sich vereinigt, spiegelt der Gehörnte alle Er- scheinungsformen des Mannes wie- der: Kind, Greis, Jüngling, Ge- liebter, Bruder, Vater, Tänzer, Jäger, Opfer, Beschützer usw.

Dennoch werden bestimmte Aspekte des Männlichen stärker bei ihm betont als andere. Er

hat z.B. eine deutliche Beziehung zu allem, was gehörnt ist. Er wird oft als Jäger (aber auch als das Jagdwild selbst), als Herr der Wälder, der Natur verstanden. Er gilt selbst als wild, triebhaft, mit dem Rausch und mit der Frei- heit verbunden. Er be- freit das Bewußtsein in der Ekstase von allen Fesseln. Er vermittelt neue Erfahrungen, er weiht ein in die Myste- rien. Er ist verbunden mit dem Rad des Jahres, er ist das Sonnenkind, der Erntekönig und der Sterbende Gott. So wird er selber zum Herrn des Todes, dem Unterweltskönig und Führer der Geisterreiter. Als Herr des Todes ist er unlösbar mit dem Orgasmus (dem "kleinen Tod"), der Lust, der Zeugung, ja sogar dem Leben einerseits, mit der Einweihung in tiefe Geheimnisse, dem Tod des Alten Ichs und der Geburt des Neuen Ichs, der reli- giösen Ekstase und der Weisheit andererseits verbunden. Er ist ein Kreis von Assoziationen ohne Ende und zugleich ein unüber- blickbares Netz von Querverbin- dungen. Der Logiker in mir ist geschafft und zieht sich grau- send an die Oberfläche zurück. Vielleicht begreife/ergrei- fe ich mehr von Ihm, wenn ich

mir Seine früheren Inkarnationen anschaue.

Als erstes begegne ich Ba- phomet. Auf dem inzwischen klas- sisch gewordenen Kupferstich von Eliphas Levi (*1) hat er den Kopf eines Ziegenbocks, männli- che Schultern und Arme, weibli- che Brüste und schwarze Schwin- gen. Zwischen seinen Ziegen- beinen ragt als Phallus ein Hermes-Stab empor und auf seiner Stirn lodert eine Fackel. Seine Linke weist in die Tiefe, auf eine schwarze Mondsichel und trägt die Tätowierung "Coagula" (von lat. "cogere" =sammeln, zwingen), seine Rechte zeigt in die Höhe, auf eine weiße Mond-

"Solve" (von "solvere" =lösen). Auf seiner Stirn ist ein Penta- gramm.

Für Levi scheint Baphomet ein Symbol für die kosmische Ganzheit oder die Vereinigung der Gegensätze (Mensch/Tier, Frau/Mann, Sammeln/Lösen, Oben- /Unten, Hell/Dunkel, Hermes-Stab mit den beiden, ihn umwindenden Schlangen) gewesen zu sein, aber dadurch auch für Weisheit und Erkenntnis stehend (Flügel, Pen- tagramm, Fackel, Hermes als Gott der Einweihung). Auf dem Bild scheint der Ziegenkopf zu lä- cheln, seine Augen jedoch sind konzentriert. Der Gehörnte kann ein neckischer Spaßmacher sein, aber begehe nie den Fehler, ihn zu unterschätzen!

Baphomet... woher kommt er eigentlich, dieser Gott, Dämon oder was immer er ist? Für Levi war er identisch mit dem Bock, den die Hexen im Mittelalter auf ihren Sabbaten umtanzt haben sollen, aber eigentlich taucht sein Name das erste Mal im Zu- sammenhang mit einer der angese- hensten Institutionen der Kirche auf - dem Templerorden.

Dieser Mönchsorden für Rit- ter wurde im Gefolge des ersten Kreuzzuges nach Palästina 1119 u.Z. gegründet. Wie andere Rit- terorden (der Johanniter- bzw. Malteserorden und der Deutsch- ritterorden) nahm er sehr rasch

an Reichtum und Macht zu, was dem König von Frankreich - in seinem Staatsgebiet hatte der Orden seinen Sitz und größten Einfluß - bald ein Dorn im Auge war. Hinzu kam, daß der franzö- sische König in einer schlimmen finanziellen Misere steckte und die großen Besitztümer der Temp- ler ihn lockten. Also wurde der Orden der Ketzerei angeklagt, die Ritter verhaftet und ver- hört. Nach sieben Prozeßjahren hob der Papst 1312u.Z. den Orden auf und seine Führungsspitze wurde exekutiert.

Die Verhöre konzentrierten sich hauptsächlich auf die Auf - nahmeriten, bei denen der Novize auf Mund, Nabel und Rückrat geküßt wurde bzw. den ihn Ein- weihenden auf das Gesäß küßte. Danach sollte der Novize Christus abschwören, auf einem Kruzifix herumtreten und ein bärtiges Haupt aus kostbarem Metall wurde auf den Altar ge- stellt. Um dieses lag eine weiße Schnur, mit der sich der Einge- weihte von nun an unter seiner Kleidung gürten sollte. Das bär- tige Haupt (in den Protokollen oft als "Haupt des Baphomet" bezeichnet) tauchte noch bei anderen Ordensversammlungen auf und wurde dabei verehrt. Einige Tempelritter hatte es so beeindruckt, daß sie bei seinem Anblick zitterten und sich ver- wirrt fühlten.

Natürlich ist der Wert die- ser Aussagen stark dadurch ge- mindert, daß sie unter Zwang; möglicherweise unter Folterung entstanden. Dennoch wirken sie untereinander SO individuell, daß das Körnchen Wahrheit in ihnen stark wahrscheinlich wird, zumal das ganze Ritual einen inneren Sinn aufweist. Da dieses bereits an anderer Stelle aus- führlich interpretiert wurde (*2), will ich mich hier nur auf das Haupt konzentrieren. Es ist ungehörnt und dennoch hat Levi recht, wenn er es mit dem Sab- bat-Bock gleichsetzt: Es reprä- sentiert die männliche Kraft schlechthin, jenseits des Dua- lismus von hell und dunkel, gut und böse. Von diesem Dualismus sagten sich die Templer los, indem sie Christus, den Reprä- sentanten des Einseitig-Lichten, zerstörten und sich einer ursprünglicheren Gestalt zuwand- ten. Zugleich waren sie selber fixiert auf das Männliche, wie ihre homophilen Aufnahmeriten zeigen (angeblich sollen sexUu- elle Kontakte der Tempelritter untereinander gestattet gewesen sein) (*3).

Von Levis "Baphomet" aus geht also nicht nur ein Strang zurück in die Zeit, zu dem Ba- phomet der Tempelritter, sondern ein zweiter führt uns zum Bock des Hexensabbats, wie er uns während der Hexenjagden des 16.

und 17.Jahrhunderts entgegen- tritt. Leider bleibt uns auch hier nichts anderes übrig, als auf die Schriften der Verfolger zurückzugreifen, denn die Hexen selbst waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig und studierte Gegner der Hexenver- folaungen (Ärzte, Theologen und Juristen) konnten trotz aller Kritik an den Praktiken den Boden der christlichen Lehre niemals verlassen. So wissen wir nicht, wieviel bei den erfolter- ten "Geständnissen" versteckte heidnische Wahrheit und wieviel pure Erfindung der Hexenjäger ist - oder wieviel sogar auf Halluzinationen durch Drogen (die sogenannten "Flugsalben" der Hexen) zurückgeht. Wir können auch nicht die bequeme Anschauung mancher moder- ner Hexen teilen, die alle angenehmen Momente des Sabbats (Tänze, Lie- besorgien, Anbetung des Gehörnten bzw. von Göt- tern usw.) als wahr und

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die Kehrseiten der Schilderungen (Giftmischereien, Kindesmorde, verschiedene fetischistische Ab- artigkeiten usw.) als erlogen ansehen. Hlir müssen einfach zugeben, daß wir es nicht wis- sen. Die erpreßten Beschreibun- gen des Hexensabbats lassen sich ebensoqut aus der Sicht alter heidnischer Bräuche interpretie- ren, wie es möglich ist, ihn aus all jenen \lahnvorstellungen heraus zu erklären, die beziig- lich Ketzerei innerhalb von Jahrhunderten in der Kirche hochgewuchert waren (*4).

Darum begrüßt uns auch der Sabbatbock dieser Zeit in einem Zwielicht, in dem wir nicht erkennen können, ob ein verzerrt gezeichneter Waldgott oder Luzi- fer vor uns sitzt (wobei letzte- rer selbst die Verzerrung alter Götter ist, wie wir noch sehen werden). Er empfängt uns inmit- ten des wüsten Treibens der nächtlichen Hexenversamnlung auf einem goldenen oder schwarzen Stuhl. Aus seinem Kopf ragen drei große Hörner (manchmal auch mehr, manchmal nur zwei), deren mittleres leuchtet, heller noch als das Licht des Mondes. Sein Körper ist halb der eines Men- schen, halb der eines Ziegen- bocks. Gelegentlich zeigt er sich ganz und gar als Bock oder als schwarzer bzw. schwarzge- kleideter Mann, der oft noch einige Bocksattribute (Hörner, gespaltene Hufe als Füße, Schwanz) besitzt. Besonders, wenn er nicht als Herr des Sab- bats, sondern als nächtlicher Liebhaber der Hexen auftritt, überwiegen die menschlichen At- tribute. In Bocksgestalt trägt er Hexen zum Sabbat, wenn sie nicht auf Besen, Heugabeln oder ohne Hilfsmittel fliegen, in Bocksgestalt ist er auf den Hostien dargestellt, die bei der Verhöhnung der christlichen Messe verwendet werden. Auch anderes antichristliches Tun wird ihm zugeschrieben: Er for-

dert vom Neuling, daß dieser dem christlichen Glauben abschwört und den Teufel anbetet, läßt sich von seinen Anhängern auf die linke Hand, die Brust, das Glied und den After küssen, hält Schwarze Messen (Umkehrungen des christlich-katholischen Ritus), ermuntert die Versammelten dazu, den Christen möglichst viel Bos- heiten und Schaden zuzufügen, läßt sich Geld, Brot, Eier und andere Dinge opfern und treibt Geschlechtsverkehr mit Frauen und Männern auf alle nur erdenk- liche Arten.

Wie bereits erwähnt wissen wir nicht, wieviel von solchen (besonders letzteren) Schilde- rungen der lüsternen Phantasie lebenslang in ihrem Sexualtrieb unterdrückter Mönche entsprang, sie bleiben aber im Bereich der Möglichkeit. Schon aus der Antike wissen wir von bestimmten Festtagen, an denen die starre Gesellschaftsordnung aufgehoben wurde und alle Tabus erlaubt waren. Wenn in den erfolterten Berichten also immer wieder In-

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zest, Homosexualität, Sadomaso- chismus usw. auftauchen, dann könnte das auf ein Fortleben dieses Rrauchs unter der einfa- chen Bevölkerung hindeuten, auf ein gelegentliches Ausbrechen aus dem Joch sozialer und sexu- eller Unterdrückung (und wer kennt nicht die Parallelen aus dem heutigen Faschingsbrauchtum, zu dem sexuelle Freizügigkeit ebenso dazugehört wie närrisches Sich-lustig-machen über Re- spektspersonen?).

Darüberhinaus ist der Bock an sich bereits ein Symbol der Fruchtbarkeit und Triebhaftig- keit. Seine Hörner (die bei kaum einer Teufels-Narstellung fehlen dürfen) erinnern an den Phallus, zugleich symbolisieren sie als Waffen selbstbewußte, souveräne Kraft. Der Ziegenbock gilt als unermüdlich in seinem Fortpflan- zungstrieb und als wild, sprung- haft, unberechenbar. Wir werden diese \esenszüge noch in Göttern wie Pan oder Dionysos wiederfin- den, an dieser Stelle genügt uns die Vorstellung, wie ein solches

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Wesen auf einen einseitig ver- aeistigten, Erotik und Lust an der Erotik als Sünde betrachten- den Juden bzw. Christen gewirkt haben muß: ein Sinnbild der Verworfenheit!

Beteten die Hexen des Mit- telalters einen Gehörnten Gott an oder nicht - daß der Bock ‚als Teufelsgestalt herhalten mußte, war von vorneherein eine von den Inquisitoren beschlossene Sache. Möglicherweise verdrängte er dabei die Große Gättin, die moderne Nexen anbeben. Fine weibliche Gegenspielerin Jahwes paßte nicht so gut in das Welt- bild der Pfaffen, in dem zwar Frauen Gefäß für alle Sünden sein mußten (90% der hingerich- teten Hexen waren Frauen!), eine dominante Rolle jedoch sogar bei der "Gegenpartei" ausgeschlossen war. Das einzige, was in diese Richtung weist, ist die "Königin des Hexensabbats", die in man- chen Protokollen erwähnt wird, eine erwählte Hexe, die neben Satan auf einem Thron sitzt. Alles andere bleibt im Dunkel

der Geheimnisse, des Schweigens, der Lügen und Verdrehungen.

Wenn die Hexen damals - oder einige von ihnen, wir müs- sen regionale Unterschiede immer im Auge behalten, es hat ja nie eine allgemeine, in sich ge- schloßene Heiden- oder Hexenre- ligion gegeben! - einen Gehörn- ten anbeteten, dann haben sich eventuell einige Bruchstücke dieser Religion in Form von Sagen und Legenden erhalten. Wir wollen dieser Frage in der näch- sten Ausgabe des HAINs nach- gehen...

Michael Frantz

Anmerkungen:

(*1) Eliphas Levi war ein französischer Magier (1810 - 1875). Der Stich erschien das erste Mal in seinem Buch "Trans- cendental Magic".

(*2) Gerhard Zacharias geht in "Satanskult und Schwarze Mes- se" (1979, Herbig) auf den Sei- ten 103-105 auf die Symboliken des Kusses, der Kreuz-Zerstö- rung, des Haupts und des Gürtels ein. Ich möchte dazu nur anmer- ken, daß die Symbolik des Gür- tels als "Kraft-Speicher" weit verbreitet ist und heutige Hexen oft eine ähnliche Schnur auf ihrem Körper tragen und daß

ebenfalls häufig die Symbolik des Kopfes als Lebenszentrum, Kraft-Zentrum, Zentrum magischer Macht angetroffen wird (Mimirs- Sage in der Edda, Schädelkult der Kelten, Kopf jagd im Pazifik, der Brauch, aus der Hirnschale eines Feindes zu trinken: der- artige Kelche aus Hirnschalen wurden noch beim kirchlichen Johannes-Fest im Mittelalter verwendet).

(*3) Um die innere, geheime Lehre der Tempelritter ranken sich seit Zerschlagung des ÜUr- dens zahlreiche Gerüchte und Legenden und es gibt wohl kaum eine mystisch-esoterische Ge- sellschaft, die nicht behauptet, direkt oder indirekt von den Templern abzustammen (Freimau- rer, Rosenkreuzer, 0.T.0., der ariosophische 0.N.T., um nur die bekanntesten zu nennen).

(*4) Historische Belege für Hexen-Versammlungen habe ich leider - außer besagten "Ge- ständnissen" - nicht finden kön- nen (HAIN-Leser, die zu diesem Thema etwas beitragen können, bitte ich um Mitarbeit!). Was die Existenz von Hexen und Zau- berern angeht, so bemerkt der Anthropologe Max Marwick dazu treffend: "Die Gesetze (der christianisierten Germanen) wim- meln von Maßnahmen gegen Zaube- rer". Das spanische Gesetzeswerk "Fuero Juzgo" spricht von jenen, die "nachts dem Teufel opfern",

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und die Synode von Liftinae 743 Ueli verurteilt den Glauben, "daß Frauen den Mond bezaubern"

(nach anderer Lesart: die "Meinung, als beschwören die Weiber den Mond"). Überhaupt

sind die Beschlüßse jener Kir- chenversammlung eine Fundgrube nicht nur alter heidnischer Bräuche und Vorstellungen, son- dern auch von Aussagen über das germanische Zauberer- und Hexen- lesen (kommentierte Ausgaben: Franz Widlak: "Die abergläubi.- schen und heidnischen Gebräuche der alten Deutschen", Armanen- Verlag; Anton J. Binterim: "Von dem Aberglauben der deutschen Christen im Mittelalter", 1977 Asgard-Edition der Arbeitsge- meinschaft für Neligions- und Weltanschauungsfragen).

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Eigenwille

Ich folgte über'n Gartenzaun mit meinem Blick ner Fliege.

Da sah ich Nachbars Lindenbaum, beschnitten war'n die Triebe. Da dacht! ich:

Der Nachbar weiss wohl kaum was über wahre Naturliebe, denn der Baum hält eh nicht

stild, bringt Jahr für Jahr neue Triebe.

Martin Coleman

MEDITATION

Trete aus der Welt des Lärmens und der äußeren Sinne in

die Stille des Inneren Universums der Stimme

Deines Herzens betrachte schwei- gend

geöffnet die Bilder deiner Seele

deren Geist im Universum ist

Kehre zurück in die Welt der Sinne des brandenden Lebenslärm Sehe, verstehe und tue

was du zu tun hast mit der Kraft

Deines Herzens und der Schönheit

deiner grenzenlosen Seele die da frei atmet im Weltenhauch

Rudolf A. Goldmann

Die Göttin der Morgenröte

Aus den wirren, hekti- schen Träumen einer unruhigen Nacht erwache ich mit noch halbbetäubtem Schädel, während ich, mich in meinem Bett wum- herwälzend, langsam das Be- wußtsein meines Körpers zu- rückerlange. Ich erhebe den Kopf aus der Tiefe der Kissen und luge vorsichtig über den Rand meiner Bettdecke. Ge- blendet zucke ich etwas zuriick, als ich den Glanz des rötlich-golden erleuchteten Himmels erblicke. Unbarmherzig dringt das Licht des östlichen Himmels durch das Fenster des Zimmers in meine Augen, gießt die Kraft seiner Strahlen in mein verschlafenes, dumpfes und noch etwas mürrisches Ge- sicht. Aber diese Sinfonie aus Licht und Farben scheint in mir eine Kraft entzündet zu haben, die mich herausreißt aus dem Meer des Unbewußten, in dem ich nächtlich umhertauchte und schwamm. Plötzlich tauchen in meinen Geist Bilder von Plänen für den kommenden Tag auf - und alle Muskeln meines Körpers straffen und spannen sich in Erwartung kommender Aufgaben, die meine ganzen Kräfte erfor- dern. Aufbruch eines neuen Tages!

So eile ich, aus dem Bett springend, zum Altar der Sonne am östlichen Fenster. Ich danke der Göttin Morgenröte, daß sie mit ihrer Fackel meine Seele entflammt hat. Dann harre ich am Altar des Aufsteigens jenes Gottes, dem sie vorangeschritten ist.

Das hier geschilderte, durchaus alltägliche Erlebnis spiegelt sich in vielen Phasen des Lebens im Reich der Natur- kräfte und des Menschen wieder.

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0b wir an die Erneuerung des Lebens der Erde im Frühling denken, an den Beginn einer neuen geschichtlichen Epoche, die durch eine Revolution einge- leitet wurde - oder auch den Neuanfang eines Menschen, der nach seiner lInitiation sein Leben umgestaltet - stets ist es die lebendige Kraft einer Göttin, die von allen Völkern des Altertums verehrt und ge- liebt wurde. Als antreibende <raft des aufsteigenden Lebens, der neu entstehenden Bewußtheit nach langer Nacht, war sie immerhin so bedeutsam, daß sie nahezu alle Strukturwandlungen der mythologischen Systeme im eurasischen Raum überstanden hat. So hat selbst die ausge- sprochen patriarchalische alt- indische Religion an der Ver- ehrung der Göttin festgehalten, die im 300N-4000 Jahre alten Rigveda als USRA bzw. in der Mehrzahl als USHAS (=die Morgen- röten) angesprochen wird. In mehr als 20 Hymnen verklären sie die rigvedischen Sänger als "Himmelstochter, Jungfrau, röt- lich stahlende Göttin", als "Schimmernde", die dem Anbeten- den ihre Schönheit enthüllt, mit ihren roten Kühen Feindschaft und Finsternis vertreibt.

Auch die Litauer, deren Sprache manche Ähnlichkeit mit dem altindischen Sanskrit auf- zuweisen hat, verehrten eine

NM N.

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Göttin namens AUSZRA.

Die alten llienden hatten in der Stadt Jüterbog südlich von Berlin einen Tempel für die

Göttin errichtet, der noch Mitte des 16. Jahrhunderts gestanden haben soll.

Bei den Römern ist es die AURORA, die genau der griechi- schen EOS entspricht. Von der innigen Beziehung des griechi- schen Menschen zur Göttin der Morgenräte künden uns die orphi- schen Hymnen aus dem 6.Jhdt. vor der Zeitenwende, im denen sie als "strahlenglänzende EOS" und "Tempelhüterin des Lebens" ge- priesen wird. Man dankt ihr, daß sie "dein sterblichen Sein ein tätiges Leben gibt" und bittet sie um Mehrung des heiligen

Lichtes. In der Symbolik des griechischen Mythos öffnet sie dem Sonnengott mit Rosenfingern die goldene Pforte und streut Rosen auf seinen Weg. Für Homer ist sie die "Göttin auf goldenem Thron", "die Frühgeborene", "die draußen am Rande der Welt wohnt" (homerische Hymnen).

Gewisse Parallelen zu die- ser Göttin gibt es auch in den orientalischen Mythen der Kana- aniter, wo sie uns unter dem Namen ASTARTE begegnet. In der mittelalterlichen Dämonologie taucht vermutlich die gleiche Gottheit als der hermaphrodi- tische Dämon ASTAROTH auf. Bei den Babyloniern und Sumerern wurde sie als ISHTAR verehrt.

Aus all diesen verschiede- nen Namensformen hat Paul Herr- mann eine indogermanische Grundform erschlossen, die AUS0OS oder AUSRO lauten würde.

Aus welchen Quellen ist uns nun diese Göttin als mytholo- gische Gestalt der altgermani- schen Religion bekannt?

Nun, es war der angelsäch- sische Mönch Beda Venerabilis (674-735), der in seiner Schrift "De temporum ratione", c.13 eine Göttin erwähnt, die für die Namensgebung des Monats April (Esturmonath oder Eosturmonath) bei den Angelsachsen verantwort- lich sei. Er führt dabei folgen- de Namensformen für die Göttin auf: "Eostra, Eostrae, Eostre",

Jakob Grimm hat in seiner "Deut- schen Mythologie" aus diesen Angaben zu Recht den Schluß gezogen, daß der althochdeutsche Name des Osterfestes, Ostarun, dieser Göttin seinen Ursprung verdankt. Der von ihm daraus erschlossene Name OSTARA ist jedoch insofern eine hypothe- tische philologische Konstruk- tion. Dies muß leider mit aller Deutlichkeit festgestellt wer- den, auch wenn der Gottesname 0OSTARA im populären heidnischen Schrifttum immer wieder mit ungeprüfter Selbstverständlich- keit aufgeführt wird. Denken wir dabei auch an die englische Bezeichnung für das ÜUsterfest: Eastre oder Easter.

Hierbei stoßen wir natür- lich auch auf die Tatsache, daß die Göttin in der Edda nament- lich nicht erwähnt wird. Auch das Fehlen anderer schriftlicher Quellen verleitete manche Reli- gionsforscher zu der Annahme, daß eine Göttin OSTARA, wie bei Grimm behauptet, nur eine Fik- tion sei.

Wir treffen aber in der Edda auf eine Göttin der Liebe, der Schönheit und des Kampfes - und dies ist ein weiterer Schlüssel zum Wesen der Göttin der Morgenröte. Denn FREYA ist identisch mit der antiken VENUS- APHRODITE, die zugleich als Morgenstern (nämlich der Planet Venus!) verehrt wurde. Die Mor-

genstunde als Zeitpunkt des er- sten Lichtes und der Erleuchtung ist aber ein entscheidendes Kennzeichen beider Göttinnen (EOS und APHRODITE). Dies wurde in einem konkreten Attribut in den Beschreibungen und Darstel- lungen der Aphrodite immer wieder zum Ausdruck gebracht: Der Fackel, bzw. einem Fackel- paar. Fbenso heißt es auch im "Pervigilium Veneris", einer Gebetshymne des Aphrodite-Venus- Heiligtums von Eryx (Nordwest- sizilien): "Der Morgenstern mit dem Fackelpaar verfolgt den fliehenden Wagen, doppelte Gottheit, die wir Stern nennen und Genius der Aphrodite, und es begleiten ihn die Schwestern, welche an die Vergangenheit die Zukunft binden. Die erhobene Rechte erleuchtet den Abstieg der Nacht; die Fackel der Linken ergießt sterbend das Licht der Morgenrüöte in aufsteigender Glut, Fackelträgerin des Sonnen- onttes, wmgürtet von seinem Schimmer!"

Die babylonische ISHTAR wird in einem Hymnus als "Leuchtende Fackel Himmels und der Erde, Licht aller Lande" und als "Feuerbrand, der gegen die Feinde aufleuchtet" bezeichnet.

Aus all diesen Zusammen- hängen wird deutlich, daß die Göttin der Morgenröte ein Aspekt (Tochter oder vielleicht Inkar- nation) jener Göttin, ist, die

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wir unter dem Namenszusammenhang FREYA-VENUS-APHRODITE kennen. Aber eben nur ein bestimmter Aspekt, nämlich der des aufstei- genden Lichtes, während ihr an- derer Aspekt, der Abendstern, die Rückkehr des Lichtimpulses in die Welt der Nacht ankündigt.

Die Parallele zwischen germanischer und antiker Mytho- logie wird noch überaus deut- licher, wenn wir ihre Beziehung zum Sonnengott betrachten, mit dessen Erscheinung sie ja im Tageslauf eng verbunden ist. FREYA ist Schwester und zugleich auch Gemahlin des Sonnengottes FREYR. Ebenso eng verbunden ist AURORA-ENDS dem Sonnengott, sie läuft vor seinem Wagen, verkün- det sein Kommen. EOS war die Schwester des HELIOS.

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Hier schließen sich die Vegetation. Im Tierkreis steht

Kreise der Mythen und wir kehren an dieser Stelle im Jahreskreis- wieder zurück zur Stellung der lauf der Widder, vermutlich als "EOSTRAE" (OSTARA) im heiligen Sinnbild eines gehörnten Urgot- Rad des Jahres. Sie steht hier tes. Die Wärme der Göttin bringt am Zeitpunkt der Frühlings-Tag- das letzte Eis des todbringenden undnachtgleiche: Als Verkünderin Winters zum Schmelzen, dessen der zunehmenden Lichtfülle, die Wasser wir am Ostermorgen in von jetzt ab über die Finsternis heiligem Schweigen schöpfen. dominiert - aber nicht allein Laßt uns eins werden mit der tritt sie uns entgegen, sondern Göttin, indem wir in der Stunde in inniger Gemeinschaft mit dem der Morgendämmerung unsere Augen Lichtgott, mit dem sie sich in gen Osten richten! Und wenn Fruchtbarkeit ersehnender Lust unsere Lippen die Laute ihrer verbindet. Ihr zu Ehren feiern heiligen Namen formen, werden wir deshalb nicht nur die ewigen diese mehr sein als philolo- Mysterien geschlechtlicher Wonne gische Fossilien vergangener (Walpurgis), sondern entzünden Kulturen. Aber auch nur dann!

auch die Osterfeuer als Sinnbil- der der Morgenröte des neuen

Jahres, der fruchtbar werdenden Matthias Wenger

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(erscheint April/Mai 1988)

Geza von Nemenyi

Heidnifche Naturreligion

Altüberlieferte Glaubensvorftellungen, Riten und Bräudıe

Erste Gesamtdarstellung des Heidentums nach den Textquellen, mit den überlieferten Ritualen. Aus dem Inhalt: Runen,Hexen, Mythen, Tyrkreis, Jahresfeste, Lebensfeste, Kultmelodien u.a.

Johanna Bohmeier Verlag Breite Str. 65 3134 Bergen a.d. Dumme Ruf: 05845/244

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HEXENSALBEN Legende oder Wirklichkeit

Obwohl schon viel über die Wirkung von sogenannten Hexen- salben oder Flugsalben geschrie- ben wurde - angefangen bei den Protokollen der Hexenprozesse bis zu manchem alternativen Kräuterbuch - ist mir keine au- thentische Rezeptur für solche Salben bekannt geworden. Die wenigen Vorschriften, die bis heute überliefert sind, sind entweder unvollständig - insbe- sondere in Bezug auf die Mengen- angaben - oder aber im Lauf der Zeit so mit Beschwörungsformeln und "unsinnigen" Zutaten ausge- schmückt worden, daß der eigent- liche Inhalt nicht mehr zu re- konstruieren ist. Allerdings sind auch die Beschwörungen für die Wirkung der Salbe wichtig, um den Anwender in eine entspre- chende Stimmung zu versetzen, denn sonst schlägt die halluzi- nogene Wirkung leicht zu einem "Horrortrip" um.

Allerdings ist man nicht nur auf Spekulationen angewie- sen, wenn es um die Zusammenset- zung von Hexensalben geht. Viele Pflanzen enthalten Stoffe, die die Psyche oder die Wahrnehmung des Menschen beeinflussen kön- nen.

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Die wohl wichtigste Pflan- zengruppe, deren Mitglieder in Hexensalben verwendet werden, ist die Gruppe der Nachtschat- tengewächse (Solanaceae). Beson- ders wichtig für die Wirkung sind die sogenannten Tropanal- kaloides L-Hyoscyamin, Atropin (DL-Hyoscyamin) und Scopolamin. In niedrigen Dosierungen bewir- ken diese Alkaloide Mundtrocken- heit. Die Pupillen werden erwei- tert, weshalb z.B. Tollkirschen- zubereitungen schon in der Anti- ke von Frauen verwendet wurden (der lateinische Beiname der

Tollkirsche bella-donna bedeutet schöne Frau). In höherer Dosie- rung treten Wirkungen auf das zentrale Nervensystem in den Vordergrund. L-Hyoscyamin und Atropin wirken erregend auf die Großhirnrinde (vergl. Namensge- bung Tollkirsche). Symptome sind Hitzegefühl, Sehstörungen und Herzrasen. Der Tod tritt bei Atropinvergiftungen durch Herz- Kreislauf- und Atmungsversagen ein. Scopolamin hingegen wirkt schon in niedriger Dosierung dämpfend auf das Bewegungssys- tem. Höhere Dosierungen führen zu einem tranceähnlichen Däm- merungszustand, bei dem eine gewisse Ansprechbarkeit erhalten bleibt, aber die verstandes- mäßige Kontrolle der Gedanken und Handlungen ist beeinträch- tigt. Wegen dieser Eigenschaft wird Scopolamin als sogenannte Wahrheitsdroge eingesetzt. Zu berücksichtigen ist weiterhin, daß eine Trennung von Realität und Illusion in einem solchen Zustand nicht möglich ist. Auf diese Weise erlebte Träume kön- nen durchaus als real empfunden werden. Ein Hautkribbeln wird z.B. so empfunden, als ob einem Fell oder Federn wüchsen. Die überlieferten "Reiseberichte" unter dem Einfluß von Hexensal- ben sind durchaus als besonders wirklichkeitsnah er-lebte Träume ernstzunehmen.

Allerdings ist die Dosie-

rungsspanne zwischen den bewußt- seinserweiternden Wirkungen und den unerwünschten Vergiftungser- scheinungen sehr klein. So man- cher hat den Versuch, Hexen-

salben - seien es überlieferte oder aus eigener Erfahrung zu- sammengestellte Rezepturen - an

sich selbst auszuprobieren mit dem Leben bezahlt.

In Hexensalben wurden mit großer Wahrscheinlichkeit fol- gende Nachtschattengewächse ver- wendet:

Die Tollkirsche (Atropa bella-donna L.)

Die Tollkirsche wächst am Waldrand oder in Lichtungen auf kalkhaltigen, lehmigen Böden. Dieser bis zu 1,5 m hohe Busch hat eiförmige, angespitzte, klebrig behaarte, bis zu 10 cm lange Blätter. Aus den violet- ten, glockenförmigen Blüten im Juli entwickeln sich im Herbst schwarzglänzende, kirschartige Beeren.

Alle Teile der Pflanze sind stark giftig. Die Pflanze ent- hält in allen Teilen Tropanalka- loide.. Der Gehalt an diesen Alkaloiden kann aber bei Zuchtformen und bei einer \Va- riante mit gelblichen Blüten und helleren Beeren weit höher lie- gen. In den jungen, frischen Blättern und den unreifen Beeren herrscht L-Hyoscyamin vor. Dar- aus entsteht in älteren und

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aetrockneten Blättern sowie in den reifen Früchten das nur halb so wirksame Atropin.

Der Stechapfel (Datura stramonium L.)

Der Stechapfel ist eine krautige, bis zu 1 m hohe Pflan- ze, die an Wegrändern auf sandi- gen, nährstoffreichen Böden wächst. Die unteren Blätter wer- den bis zu 20 cm lang. Pie Blattform ist eiförmig mit buchtig gezähntem Rand.Aus den im August erscheinenden, trope- tenförmigen, weißlichen Blüten entstehen charakteristische, stachlige Früchte mit braun- schwarzen Samen.

Die Alkaloidzusammensetzung

schwankt je nach Alter und Rei- fezustand der Pflanzenteile er- heblich. In jungen Blättern ist

Scopolamin enthalten, in älteren Pflanzen überwiegen Hyoscyamin und Atropin.

Das Bilsenkraut (Hyoscyamus niger L.)

Diese ca. 0,5 m hohe, krau- tige Pflanze hat eine rübenför- mige Wurzel. Die leichtgestiel- ten, schmutbziggrünen Blätter sind länglich und buchtig ge- zähnt. Die Blüten im August haben gewickelte, schmutzigweiße bis gelbliche Blütenblätter mit feinen violetten Adern. Aus dem Blütenkelch entwickelt sich die Frucht mit vielen schwarzen Sa- men. Die Pflanze macht insgesamt gesehen einen ziemlich "schmutzigen" Eindruck. Als "ty- pisches Unkraut" wächst Bilsen- kraut an Wegrändern auf einiger- maßen nährstoffreichen Sand- und Lehmböden.

Bilsenkraut enthält neben L-Hyoscyamin auch größere Mengen (bis zu 40 Prozent der Gesamtal- kaloide) Sco- polamin. Da- durch tritt } bei der Wir-

kung der zen- tral beruhi- gende Efekt in den Vor- dergrund.

Deshalb wurden Bilsenkrautzube- reitungen oft Bieren zugesetzt, um "schwache" Biere in der Wirkung zu verstärken.

Die Alraune (Mandragora officinarum L.)

Seit Menschengedenken wird die Alraune für eine der zauber- kräftigsten Pflanzen gehalten. Das liegt wohl an der Gestalt ihrer Wurzel, die unter gewissen Umständen recht menschenähnlich sein kann. Über die Alraune als Zauberpflanze wird in einer der nächsten Ausgaben einen eigenen Artikel geben. Da die Alraune im Mittelmeerraum heimisch ist, ist es nicht sicher, ob ihre Wurzel auch als Bestandteil von Hexen- salben Verwendung fand. Aller- dings sprechen gewisse Anzeichen dafür, daß diese Pflanze im späten Mittelalter auch in der Schweiz und in Süddeutschland vorkam. Auf jeden Fall war der Bekanntheitsgrad der Pflanze so groß, daß es durchaus möglich ist, daß sie für Hexensalben verwendet wurde, wegen ihres sehr hohen Preises aber sicher nicht als Hauptbestandteil.

Die Alraune ist eine sten- gellose, krautige Pflanze mit bis zu 20cm langen, fleischigen, gerippten Blättern. Die violet- ten, glockenförmigen Blüten ste- hen in der Mitte der Blattroset- te. Die Früchte ähneln unreifen Tomaten.

Neben den Nachtschattenge- wächsen spielen auch andere Pflanzen eine wichtige Rolle bei der Zusammensetzung von Hexen- salben. Alle hier aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Deshalb wird die Aus- wahl auf eine Pflanze be- schränkt, bei der charakteristi- sche Inhaltsstoffe eine Verwen- dung in Hexensalben plausibel erscheinen lassen.

Der blaue Eisenhut (Aconitum napellus L.)

Der blaue Eisenhut, auch Sturm-hut genannt, gehört - bo- tanisch gesehen - zu der Gruppe der Hahnenfußgewächse. Die Pflanze wird bis zu1 m hoch, Die Blätter sind 5 - ?geteilt, tief eingeschnitten. Die blatı- violetten, helmförmigen Blüten stehen in dichten Trauben. Der Eisenhut wächst vornehmlich in den Gebirgsregionen der Alpen, kommt aber auch in den Mittelge- birgen vor. \Jegen seiner schönen Blütenstände wird der Eisenhut auch als Zierpflanze in Gärten angebaut. Der blaue Eisenhut ist eine der giftigsten Pflanzen in Mitteleuropa. Schon wenige Gramm Frischpflanzenteile können zu tödlichen Vergiftungen führen. Die wirksamen Alkaloide, Aconi- tin und Derivate, werden leicht durch die Haut resorbiert, so daß selbst Berührungen mit der Pflanze gefährlich werden kön-

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nen. Vergiftungen äußern sich durch Brennen und Kribbeln im Mund, am Hals und in den Glied- maßen. Weitere Symptome sind Schweißausbrücke und Wahrneh- mungsstörungen wie "Pelzigsein" der Haut. Bei höherer Dosierung treten schmerzhaftes Erbrechen und Durchfall, dann Muskelläh- mung und starken Schmerzen auf. Der Tod tritt durch Atemlähmung oder Herzversagen bei vollem Bewußtsein ein.

Gerade das "Pelzigsein" der Haut kann auch das Wachsen eines Fells oder Federkleids empfunden werden.